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Felix Dahn

Die Mette von Marienburg

1.

»Nachtlockiges Weib, jagellonisches Blut,
so siegte doch endlich die süße Glut!
Lang blieb ihr verhaßt der Deutsche, der Fremde,
mit dem weißen Mantel auf schuppigem Hemde:
doch endlich ward sie inne
der siegenden Frau Minne
daß sie mir freundge Botschaft schrieb:
'O, komm, so wahr dir dein Leben lieb,
in der Christnacht auf Podol, mein Schloß!'
Nun, Greif, mein Rappe, mein wackres Roß,
die schöne Feindin soll nicht warten!«
Und er zeiht geheim in den Burgwallgarten
am Zügel das leise wiehernde Tier:
»Schweig, trauter Greif, das rat ich dir!
Wenn uns die Gebietger erlauschten, die frommen,
wir würden in sichern Verwahr genommen,
und wir flögen wohl niemals wieder, wir beide,
auf Minnefahrt durch Wald und Heide.«
Und sacht und rasch auf beschneitem Rasen
führt er das Roß an die Ausfallpforte:
»Still, alter Hans, keine Predigtworte!
Willst du vielleicht das Lärmhorn blasen
und den Priestern deinen jungen Herrn
verraten, daß sie ihn fahn uns sperrn
sein Leben lang zu Brot und Wasser,
die gottseligen Burgunder-Prasser?«
Da lachte Hans, dann sprach er ernst:
»Daß du doch niemals Sitte lernst!
O lieber Falk, mein Junker wert,
weit ist gerühmt dein rasches Schwert:
jedoch du läss'st nicht von der Minne!
Die frommt dem Deutschherrritter-Ritter nicht!
Wohin stehn dir heut Nacht die Sinne,
heut Nacht, da heilge Christenpflicht
uns alle ruft zur Mittnachtmette?«
»Auf, Hans, rasch fort die Riegelkette!
Vielschönes Weib berief mich heiß!«
»Die Nogat geht in Trümmereis!« –
»Greif schwimmt gleich einem Neckarhecht!«
»Im Weichselwalde fährt sich's schlecht:
dort rennen rudelweis die Wölfe.«
»Nicht fürcht ich ihrer zehn und zwölfe!«
»Im Tanne von Podol verhohlen
Masuren bergen sich und Polen.«
»Gleich ihrem Wölfen acht ich sie:
zwölf gegen einen fürcht ich nie!
Rasch auf das Türlein! Greif, nun lauf:
Frau Aventiure, nimm mich auf!«

2.

»Gesteh, du wilder, geliebter Mann,
ob Zauber dir mein Herz gewann?
Du bist wie Sturm und Glut und Gewitter,
bist heißer als all die blonden Ritter,
bist markiger als die Polenknaben:
aus deinen dunklen Augen und Locken
sprüht's und knistert's wie Feuerflocken,
du bist wie Gold und Stahl und Flamme –«
»Schön Lieb, das rührt von meinem Stamme!
ich bin vom freudgem Volk der Schwaben,
ich bin aus Deutschlands wonngem Süd,
wo heißer Blut und Minne glüht! –
Wer suchte wohl den Falk von Stauf
heut Nacht bei schön Lodoiska auf!«
»Wie kamst du in den frommen Orden?«
»Der Heimat war ich urdrüß worden;
mein Schwert schlief ein auf leichten Siegen;
da drang der Ruf ins Neckarland:
- 'Die deutschen Herrn erliegen!
Marienburg wird heiß berannt,
sie schüttelt kaum vom Nacken
die Wölfe, die Polacken,
und Tag um Tag tobt grimmes Morden!' –
Da dacht ich: 'Falk, flieg aus nach Norden!'
So trat ich in den frommen Orden:
traun, nicht fürs Werke der Pfaffen,
fürs freudge Werk der Waffen.«
»So magst du leichtern Herzens hören,
was ich erst jetzt enthüllen kann;
du kannst den Plan nicht mehr zerstören,
der meinem Volk den Sieg gewann.
Als ich dich sterben sollte wissen,
da ward mein Lieben grell mir klar;
geliebter Mann, dich hat entrissen
Lodoiska sichrer Todgefahr.
Weißt du, weshalb ich dich beschworen
heut aus Marienburg hierher?
All deine Brüder sind verloren,
sie schaun den nächsten Tag nicht mehr!
Verrat verschließt das Nogattor
beim letzten Schlag der Mitternacht;
sechstausend Polen stehn davor:
was drinnen lebt, wird umgebracht.
So siegt mein Volk, die Deutschen fallen;
doch du, der einzge sollst von allen,
du wilder Edelfalke mein,
durch mich für mich gerettet sein:
ich liebe dich! Komm an mein Herz –«
Auf fuhr der Stauf in Schreck und Schmerz:
»Marienburg! der Brüder Leben!
Gott, Flügel mußt du jetzt mir geben!«
Und eh die Polin sich's versehn,
war schon der kühne Sprung geschehn
vom Erkerfenster in den Schnee:
»Jetzt renne, Greif, sonst ewig Weh!«

3.

Den Nacken gesenkt, die Zügel verhängt,
durch die Nacht kommt der rasende Reiter gesprengt.
Längst ließ er die Straße, verlor er den Pfad,
nach Süden, nach Süden nur pfeilgerad!
Über der Heiden endlos Weiß,
über der Bäche krachendes Eis,
über die Schluchten von mürbem Schnee,
über den spiegelglatten See,
hinab die Halden, hinab die Hügel
trägt ihn das Roß wie Adlerflügel:
die Dornen reißen im heißen Hetzen
vom flatternden weißen Mantel Fetzen!
Schon gewann er den dichten Wald von Podol;
zu seinen Häupten lacht es hohl:
das sind in den Föhrenwipfeln die Eulen.
Doch näher und immer näher heulen
die Wölfe zur Rechten, die Wölfe zur Linken:
dem Rappen wollen die Kniee sinken,
es schnaubt, es zittert das edle Tier:
»Greif, Freund Greif, nicht bange dir!
Halt aus, halt aus! es gilt viel mehr
als unser Leben: es gilt die Ehr!
Laß sie nur kommen, die Hunde, die feigen!
Ich will ihnen schwäbisches Eisen zeigen.«
Und er klopft ihm den Hals – ausgreift das Roß –;
ganz nah schon rennt der heulende Troß:
zur Linken, zur Rechten sieht er sie jagen,
doch den Ansprung will keiner wagen.
Herr Stauf zieht jetzt sein breites Messer;
er schwingt's im Mondlicht – das scheucht sie besser.
Aber die eine, die Wölfin, die magre,
die graue, die große, die hungrige, hagre,
reißt endlich hin die lechzende Gier:
sie springt auf den Bug dem schnaubenden Tier –
da fährt durch die Gurgel ihr scharfer Stahl,
und die sterbende schleudert Herr Falk zur Erde,
und sofort sie zerfleischen die andern zumal
und lassen vom Reiter und seinem Pferde. –
Der weiße Mantel ward blutig rot:
»Vorüber, Freund Greif, die Wolfesnot!« –
Aus dem Tann in das Freie jagd der Stauf; –
was stutzt der Rappe? was hält ihn auf?
Vor ihnen welch Gurgeln! der Mond tritt grell
aus dunklem Gewölk, er leuchtet hell!
Und ringsum kracht's und knistert und dröhnt:
die Nogat ist's, die im Eisgang stöhnt!
Im Strahl des Mondes, weiß, grün und grau,
wogt Wasser und Eis – welch grimmige Schau!
Bald Fluten schwarz wie Todesnacht,
bald Eisgezack kristallner Pracht;
es rauscht, es knirscht, es zieht, es kracht. – –
Falk spornt das Roß, doch der treue Greif,
er sperrt sich todesbang und steif:
die Vorderfüße vorgestemmt,
den Hinterbug zurückgehemmt,
die Mähne weht kopfüber wirr –
so starrt er in das Eisgeklirr,
in die dunkle Flut, in den kalten Wind: – –
»Greif aus, mein Greif, geschwind, geschwind!
Schwimm durch! schwimm durch! es gilt viel mehr
als unser Leben: es gilt die Ehr!
Nun spring und schwimm! es muß, es muß!«
Und in den eisigen, grollenden Fluß
setzt der Rappe mit edlem Sprung:
er springt und watet und schreitet und klimmt
ans Ufer, ans steile, mit sichrem Sprung!
Da grüßet schon – das ist kein Stern! –
das Licht Marienburgs von fern,
das rote Licht vom Remterturm! –
Doch vor der Burg, wie ein ringelnder Wurm,
was kauert und schleichet und lauert dort?
»Halt, Reiter, gib das Losungswort!«
So ruft's in zischelndem Slaventon. –
»Der Teufel ist's, du Wolfessohn,
der Teufel kömmt euch holen,
ihr gottverfluchten Polen!«
So ruft Herr Falk und jagt vorbei:
da hallt ein halb verhaltner Schrei:
»Nach, nach! mit allen Rossen!
Mit sausenden Geschossen,
doch leis, daß von der Zinne
man unser nicht wird inne!«
und hinter dem keuchenden, schäumenden Rappen
die kleinen polnischen Hufe klappen;
und verrät der Mond den weißmantligen Reiter,
dann schwirren die Pfeile weit und weiter
schon jagd er voraus; – noch einmal ein Schwarm
von Geschossen auf Schulter und Rücken und Arm; –
da hält er auch schon vor dem Nogattor:
tot stürzt das Roß – aus dem Sattel empor
der Reiter springt und mit letzter Kraft
schlägt er ans Tor das Schwert mit Macht,
ein, zweimal, drei, – und geisterhaft
anschlägt die Glocke Mitternacht.
Er ruft: »Verrat! auf! auf!
Euch Brüder warnt der Stauf,
laßt jetzt Gebet und Metten,
das Leben gilt's zu retten!
Verrat erschließt das Nogattor
beim letzten Schlag der Mitternacht,
sechstausend Polen stehn davor –
ich kann nicht mehr: – es ist – vollbracht!«
Ein lauter Hornruf scholl vom Wall,
rings Fackeln, Waffen überall:
bald brechen wie Gewitter
hervor die deutschen Ritter.
Die Polen flohn mit Eilen –
doch tot, mit sieben Pfeilen,
hob man den Warner auf,
den Schwaben Falk von Stauf.

aus „Wolfs Poetischer Hausschatz des Deutschen Volkes“,
Völlig erneuert durch Dr. Heinrich Fränkel. 31. Aufl.,
Erweitere Ausgabe, Otto Wigand, Leipzig o. J., S. 871-873

(eingesandt von Klemens Wolber)

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