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Heinrich Seidel: Glockenspiel

I. BILDER UND IDYLLEN


AUS DER KINDHEIT

3. DIE KAPELLE

Im schatt'gen Winkel zwischen Busch und Baum
Lag eine Grabkapelle tief versteckt.
Es war dort einsam, selbst des Mittags Glanz
vermochte nicht den Schauer zu vertilgen,
Der diesen Ort umfing. Die „junge Gräfin“,
Sie ruhte dort. – Ich hatte sie gesehen
Auf dunklem Postament, im weissen Kleid,
Im schwarzverhangnen Saal des Grafenschlosses
So bleich und schön. Die schmalen weissen Hände,
Sie ruhten stillgefaltet auf dem Busen,
Und Blumen ringsumher. Die Lichter brannten,
Und war doch draussen heller Sommertag. –
Nun schlief sie hier allein in dunkler Gruft. –
An's Gitter wohl, erfüllt von stillem Graun,
Zuweilen drückt' ich mein Gesicht und starrte
In's Finstre ängstlich' bis der schwarze Sarg,
bedeckt von Blumen und verdorrten Kränzen,
Verschwommen vortrat aus der Dämmerniss.

So stand ich einst an einem Sommertag
Da ward es auf der Strasse fröhlich laut
Von heitrem Stimmgewirr. Zur Mauer lief ich
Und sah hinab. Ein bunter Reitertrupp
Von Männern und von Fraun. Auf schwarzem Ross,
Voran zur Seite des Gemahls, ein Weib
Gar stolz und schön – die „neue junge Gräfin“,
Vor kurzem erst dem Gatten angetraut.
Scherz und Gelächter, und vor allem laut
Des Grafen volle Stimme. Schneidend Weh
Durchbebte mir die junge Kinderbrust:
»Sie muss ja alles hören!« schrie's in mir.
Ich blickte angstvoll nach dem stillen Haus –
Ein quälend Räthsel bang und schauervoll
Erfüllte mir die grübelnden Gedanken.
Vorüber ging der lärmend bunte Zug,
Und Mittagsstille ward es wie zuvor.
Ein Sonnenstrahl kam durch das Blätterdach
Und hob in hellem Glanz die Inschrift vor,
Die ob dem Eingang der Kapelle stund
In Gold:
        »Die Liebe höret nimmer auf!«


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