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Heinrich Seidel: Glockenspiel

IV. Mären, Geschichten und Schwänke


DER MÖNCH

Wir stiegen auf aus dunklen Kellerräumen,
Wo Duft und Gluth entschwundner Sommertage
Im mächtgen Fässern von Erlösung träumen.
»Jetzt saht ihr Alles«, sprach auf meine Frage
Der greise Mönch, »doch dürft ihr nicht versäumen
Den Blick in's Thal – hoch ist des Klosters Lage.«
Er öffnet eine Thür – ein Strom von Helle
Bricht draus hervor – »Herr, dies ist meine Zelle.«

Und durch das Fenster, rebenlaubumgeben,
Da schweift der Blick in sonnenklare Weiten,
Wo stolze Berge übergrünt mit Reben
Den glänzend vielgewundnen Strom begleiten,
Wo weisse Schiffe bunten Wimpels schweben,
Bis blau und blauer sich die Berge breiten,
Wo an den Buchten helle Städte glänzen,
Die steilen Gipfel stolze Burgen kränzen.

Wohin die Richtung meine Augen nahmen:
Ein Garten Gottes, herrlich – reich an Schätzen.
Lang' schaut' ich durch den Wein umrankten Rahmen
Und ward nicht müd' den trunknen Blick zu letzen,
Bis endlich mir entzückt die Worte kamen:
»Welch Paradies! – Ich muss Euch glücklich schätzen!«
Er seufzt und schauet trüb hinaus in's Klare –
»Ach Herr, es sind nun sechsunddreissig Jahre!«

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