Heinrich Seidel: Glockenspiel

IV. Mären, Geschichten und Schwänke


DER MILCHBRUNNEN

Fern in jenen blauen Bergen
In der Einsamkeit des Waldes,
Rings umrahmt von urgewalt'gen
Weitverzweigten Riesentannen,
Liegt in ew'gem Frühlingsglanze
Eine wundersame Wiese.
Niemand weiss den Ort zu sagen,
Längst verloren ging die Kunde
Und die Pfade sind vergessen.

Wunderbar, ein seltner Bronnen
Rieselt aus dem Wiesengrunde:
Süsse Milch statt klaren Wassers
Rinnt aus der gefüllten Schale,
Und im Regenbogenglanze
Blühn im Umkreis mächt'ge Blumen,
Deren Kelche, deren Becher
Süsser Himmelshonig anfüllt.

Dorthin trägt die Mutter Gottes
In den stillen Mondscheinnächten
Gern die mutterlosen Kindlein,
Nährt sie mit dem goldnen Honig
Lässt sie an der Silberquelle
Freudiges Gedeihen trinken.
Und sie wiegt sie auf den Armen,
Und aus Ihren Himmelsaugen
Strahlt auf die so früh Verlassnen
Göttlich reine Mutterliebe.

Wer es weiss, der kann es sagen,
Wenn so Holdes sich ereignet,
Denn es lächelt in der Wiege
Dann das mutterlose Kindlein,
Und auf seinem rosgen Antlitz
Liegt es wie ein seliger Schimmer
Aus der goldnen Himmelsheimath.

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