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Heinrich Seidel: Glockenspiel

IV. Mären, Geschichten und Schwänke


DIE TRÄUME

Als Karl der Fünfte auf der Jagd
Verloren die Genossen,
Da er zu weit sich vorgewagt,
Traf er von Wald umschlossen
Ein Wirthshaus an des Weges Rand,
Darinnen er drei Räuber fand.

Als nun den Fremden, stolz geschmückt,
Ersahn die Räubersleute,
Da waren sie gar hoch beglückt
Ob dieser guten Beute.
Es lachte Ihnen schier das Herz,
Und „Träumen“ spielten sie zum Scherz.

»Mir träumt,« so fing der erste an
Und grinste vor Behagen,
»Es kleidet übel diesen Mann,
Den schönen Hut zu haben!
Das ist kein Hut für solchen Tropf,
Der passt auf einen bessren Kopf!«

»Mir träumt,« so sprach der zweite gleich
Und liess ein Kichern spüren,
»Wir ziehn ihm aus, so warm und weich,
Das Wamms mit goldnen Schnüren!
In dieser schönen Sommerszeit
Geht's besser sich im Unterkleid.«

Der dritte nahm ihn nun auf's Korn
Und rief: »Was gilt die Wette,
Ihn drückt das schwere Silberhorn
An seiner goldnen Kette!
Mir träumt, dass es am besten passt,
Wir nehmen ihm die schwere Last!«

»Nie hört' ich,« sprach der Kaiser dann,
»Von so geschickten Träumen,
Doch eh' ich sie erfüllen kann,
Wollt nur ein wenig säumen,
Bis ich die Kunde euch verschafft
Von dieses Hornes Wunderkraft.«

Der Kaiser stiess das Fenster auf
Und blies in's Horn so helle:
Da kam alsbald in schnellen Lauf
Sein Jagdgefolg' zur Stelle.
Der Kaiser sprach: »Ihr seht es hier,
Die Reih' zu träumen ist an mir!«

»Auch ich hab' einen schönen Traum:
Man soll in einer Reihe
An jenen starken Eichenbaum
Euch hängen alle dreie!«
Und was der Kaiser sprach, geschah:
Zu Ende war das Träumen da!

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