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Heinrich Seidel: Glockenspiel

IV. Mären, Geschichten und Schwänke


ABSEITS.

Des Krieges Woge warf ihn aus,
Todtwund und fern vom Vaterhaus,
Und eh' sein Name ward Jemand kund,
Verschloss ihm der Tod für ewig den Mund.

Auf seiner durchschossenen Brust man fand
Eine Locke grau mit verblichenem Band,
Darauf eine Inschrift zeigte sich:
»Mein lieber Sohn, ich bete für dich!«

Ein Jüngling schön mit lockigem Haar –
Man legte ihn auf die Todtenbahr. –
Man trug ihn hinaus beim Abendschein –
Es folgte das Volk in langen Reih'n.

Und als nun verstummte des Priesters Gebet,
Ein Murmeln durch die Menge geht,
Denn es tritt hervor in des Abends Gold
Zur Todtenbahr eine Jungfrau hold.

Und also spricht sie mit bebendem Mund:
»Ich hab' dich gepflegt in der letzten Stund' –
Es härmt um dich eine Mutter sich, –
Für deine Mutter küss ich dich!«

Die Sonne versinkt im Wolkenmeer,
Und tiefe Stille wird rings umher,
Dumpf poltert nieder der feuchte Sand –
Gott tröste die Mutter im fernen Land!

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