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Heinrich Seidel: Neues Glockenspiel

I. VERMISCHTE GEDICHTE.


DER ZUG DES TODES

Ueber die Heide bei'm Morgengraun
Wandert ein Zug, gar seltsam zu schaun.

Voran der hagre Knochengesell:
Wie tönt seine Glocke hart und grell.

Sie schallt über Pfeifen- und Geigengetön
Und durch des Krieges Donnergedröhn.

Und wer sie hört, der muss hinteran,
Und sei es Kind, Greis, Weib oder Mann.

Ade, du rosiges Jungfräulein!
Du tanztest heute den letzten Reihn.

Nimm Abschied du junger Kriegesgesell
Es ist dir schon bereitet die Stell.

Unschuldige Kinderlein ziehen voran,
Die Alten humpeln hinterdran.

Vorüber unabsehbar viel –
Sie wandern all nach einem Ziel.

Mit Augen gross und starr und weit –
Die schaun schon in die Ewigkeit.

Ueber die Heide bei'm Morgengraun
Wandert ein Zug gar seltsam zu schaun.

Er wandert, seit die Menschheit besteht,
Und wandern wird er, bis sie vergeht.

Bis einst die Glocke nicht mehr klingt,
Kein Baum mehr rauscht, kein Vogel singt.

Bis Erdenlust und Erdenleid
Versunken in die Ewigkeit.

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