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Heinrich Seidel: Neues Glockenspiel

I. VERMISCHTE GEDICHTE.


DIE SCHWALBE

Liebliche Schwalbe!
Gern, wenn am Fenster
Ich lausche des Abends
Friedlichen Tönen,
Blick' ich dir nach, –
Wenn du mit leichtem
Schimmernden Flügel
Vorüber dich schwingst.
Gern auch schau ich nach dir,
Wenn auf benachbartem Dach
Im röthlichen Strahl der Sonne
Du zwitscherst dein krauses Lied,
Oder am kugligen Nest,
Wo dir sorglich die Gattin weilt
Hineinschauend hangest.

Andere singen wohl schöner als du,
Andre prunken mit buntem Gefieder;
Schön ist der Schwan,
Gewaltig der Adler!
Doch du bist mir werth,
Du liebliche Schwalbe,
Du Vogel der Heimath! –
Allzeit kehrest du wieder
Von südlichem Lande,
Dir dein zutraulich Nest
Zu bauen im Norden –
Nimmer vergisst du der Heimkehr.

Sinnend gedenk' ich der Zeit,
Da selber ich weilte
Ferne der Heimath.
Ein Abend war es wie heut –
Friedlich und sonnbeglänzt –.
Da sangst du mir in's Ohr
Den alten Heimwehklang,
Das süsse herzbezwingende Lied,
Dass mich verlangte
Mit brennender Sehnsucht
Nach jener Stätte
Der sonnigen Jugend,
Wo ich zuerst gesehn,
Schwingend um's Vaterhaus,
Dich, liebliche Schwalbe,
Du Vogel der Heimath.

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