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Heinrich Seidel: Neues Glockenspiel

I. VERMISCHTE GEDICHTE.


DER TRAUM DES HIRTENKNABEN.

Draussen an des Waldes Saum
Steht ein tausendjähr'ger Baum,
Eine mächt'ge Rieseneiche.
Dort - gestreckt in's Moos, das weiche -
Liegt ein Knabe tief im Traum.

Und er träumt von Glück und Macht,
Goldesglanz und Königspracht,
während auf dem grünen Rasen
Seine Schafe friedlich grasen,
Vom getreuen Hund bewacht.

Alles beugt sich seinem Stern,
Bürger, Priester, grosse Herrn,
Und von Liebesmacht bezwungen
Schenkt ihr Herz dem schönen Jungen
Selbst die Königstochter gern.

Aufwärts geht es schnell und leicht,
Jedes Hinderniss entweicht.
Sieh es schwebt die Königskrone
Ueber'm Haupt dem Hirtensohne,
Und das Höchste ist erreicht.

Um so tiefer ist der Fall,
Weckt ihn Abendglockenschall.
Statt Fasanen giebt es Grütze,
Seine Krone ist 'ne Mütze,
Und sein Schloss ein Hammelstall.

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