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Andreas Gryphius

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret ...

Originaltitel: „Thränen des Vaterlandes / Anno 1636“

WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
     Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
     Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.
     Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /
     Die Jungfern sind geschänd't / und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.
     Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.
     Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt /
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.
     Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
     Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.

(1663)


hier ist der besseren Lesbarkeit halber noch eine Version in heutiger Orthografie:

Andreas Gryphius

Tränen des Vaterlandes / Anno 1636

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
     Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
     Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
     Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
     Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
     Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
     Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.
     Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
     Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.


und hier ist noch eine frühere Fassung von 1637:

Andreas Gryphius

Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes

WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben.
     Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun /
     Daß vom Blutt feiste Schwerd / die donnernde Carthaun /
Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben /
Die alte Redligkeit vnnd Tugend ist gestorben;
     Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbgehawn /
     Die Jungfrawn sind geschänd; vnd wo wir hin nur schawn /
Ist Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schantz vñ Korb?
     Dort zwischen Mawr vñ Stad / rint allzeit frisches Blutt
     Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt
Von so viel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.
     Ich schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt /
     (Du Straßburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth /
Vnd daß der Seelen=Schatz gar vielen abgezwungen.

(1637)

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