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Rudolf Presber

Erinnerung

Der Abend kam. Die Schatten fielen.
Rings an den Fenstern ward es hell.
Die Kleine, müd von Lauf und Spielen,
lag mir am Fuß im Bärenfell.

Die nackten Beinchen hochgezogen,
hielt sie in kleiner Hand den Stift
und füllte meinen schönsten Bogen
mit Häkchen einer Runenschrift.

Rings war's so still, wie zum Gebete;
der ems'ge Stift nur raschelt leis ...
Es schrieb kein Dichter und Prophete
sein Weisheitsbuch mit groessrem Fleiss!

Da plötzlich schmeichelnd mit den lieben
Äuglein mein Kindchen zu mir schlich:
»Weisst du, Papa, was ich geschrieben?«
»Ein Briefchen?« – »Ja« – »An wen?« – »An dich!«

»Goldkind, an mich? Was steht darinnen?
Der Abend macht die Augen trüb ...«
und sie, nach lächelndem Besinnen: ...
»Dass ich dich lieb hab', furchtbar lieb!«

Es floss ein letzter Sonnenschimmer
ums Köpfchen ihr mit goldnem Hauch –
»Das schreibst du mir im selben Zimmer?
Sag's mir doch laut, dann weiß ich's auch.«

Da sah mich an das kleine Wesen
und reicht' das Blatt mir lächelnd hin:
»Behalt's, Papa, dann kannst du's lesen,
wenn ich mal nicht im Zimmer bin ...«
 

... O bittres Wort aus lieben Zeiten,
das du der Sehnsucht Flügel leihst!
Es schlug die Stunde längst zum Scheiden,
und dieses Zimmer ist verwaist.

Von deinem Jauchzen, deinem Lieben,
von all dem, was sich nie vergisst,
ist nur ein Blatt zurückgeblieben,
das wirr und kraus bekritzelt ist ...

(eingesandt von Tom Peine)

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