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Franz Werfel

Ein Abendgesang

Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,
Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehen,
Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,
Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.

Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und letztes Erstaunen
In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,
Daß wir sind – und daß gute und böse Launen
Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!

Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,
Wer hat es gefügt, daß mich Güte süß überschwemmt,
Wer gab mir die Demut – und wer mir den Stolz und die Stelze,
Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?

Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,
Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.
Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen
Ferne Gefühle unseren Odem ein.

Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,
Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.
Seligkeit naht – wie wenn schon erlöschende Lider
Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.

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