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Charlotte Wüstendörfer

Der Wächter von Szillen

Der Wächter von Szillen blies Mitternachtsstund'.
Da trat ein kleines Männlein aus dem Schattengrund.
»Pfeif dreizehn!« es sprach und ließ ihm keine Ruh.
Es kam jede Nacht und bat immerzu.
Und als er geblasen zum dreizehnten Mal,
drei Särge standen vor ihm im Nebelstrahl.

Der erste, der war vom Blut so rot.
»Ach, kleines Männlein, sag', deutet das meinen Tod?«
»Ach Wächter, dein Blut, das füllt ihn nicht.
Ach Wächter, dein Blut, das hüllt ihn nicht.
Das ist das Blut von tausenden Reiterlein,
die müssen nach Rußland und Frankreich hinein.
Das ist das Blut von tausenden Frauen und Knaben,
die werden die Füchse und Krähen begraben.«

Der zweite, der war voll Wasser rein.
»Ach Männlein, wird das ein böser Schacktarp sein!«
»Ach Wächter, Memelwasser ist im Frühling kalt wie Eis,
das rinnt nicht so bitter so salzig und so heiß.
Das sind der Witwen Tränen um das verlorene Blut,
der Heimatlosen Tränen um das verlor'ne Gut,
um das blökende Vieh, das auf der Straße stirbt,
um den Weizen, den der Feind in der Scheuer verdirbt!«

Der dritte war so leer, darin war nichts zu sehn,
kein Leichentuch, kein Kissen von Sägespän'
»O kleines Männlein, sage, was soll da hinein?«
»Das wird der ganze Wohlstand eines Landes sein.
Was lebenslang ihr schafftet mit Fleiß und Sorg' und Treu,
und dein Hof und dein Gut, die sind auch dabei.
Und dein Sohn ist dabei. Und du wirst sein Grab nicht sehn.
Und du selbst wirst heimatlos im Westen betteln gehn.«

Der Wächter von Szillen fiel auf sein Angesicht,
er rief den Herrgott an, die Särge schwanden nicht.
Er sprach das Vaterunser und betete und rang.
Das Männlein ward ein Riese, dem vom Mund die Flamme sprang.

Da sah er auf zum Himmel und faltete die Hand:
»Gib, daß ich's freudig gebe für's Vaterland!«
Da klangen hell die Glocken vom nahen Kirchlein,
und über Dach und Wiesen glitt der Mondenschein.

(1913)

(eingesandt von Martin Welberg)

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