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Max Herrmann-Neiße

Die Nelken

Der Nelkenduft, den meine Mutter liebte,
weht jetzt zu mir, aus diesen fremden Beeten.
Wer dachte einst, ich müßte je betreten
dies ferne, graue Land, das ungeliebte?

Wenn ich vom Markt am Sonntag Nelken brachte,
fand ich ein Sträußchen bald an jedem Platze,
da meine Mutter mit dem Blumenschatze
den ganzen Schrank zum Nelkenhäuschen machte.

Sie selbst trug ein paar Nelken an der Bluse,
und aus dem Bierdunst und der Gäste Lärmen
entschwebte sie mit mädchenhaftem Schwärmen
verzaubert als des Blütenmärchens Muse.

Ihr Duft umgab uns, wenn wir Verse lasen,
ich und die Mutter wie verschworen beide,
ganz hingegeben dem erdachten Leide,
und Nelken prangten rings in allen Vasen.

Die Zeiten milder Glücklichkeit vergingen,
die Mutter löste längst sich aus dem Leben,
und mir war es nicht einmal mehr gegeben,
ein Nelkensträußchen ihrem Grab zu bringen.

Nun sucht die fremde Luft, die ungeliebte,
mich plötzlich durch Erinnerung zu verführen,
mit wohlvertrautem Hauche zu berühren,
dem Nelkenduft, den meine Mutter liebte.

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