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Friedrich Hölderlin

Lied der Liebe

Engelfreuden ahnend wallen wir hinaus auf Gottes Flur,
wo die Jubel widerhallen in dem Tempel der Natur.
Heute soll kein Auge trübe, Sorge nicht hienieden sein,
jedes Wesen soll der Liebe wonniglich wie wir sich freu'n.

Singt den Jubel Schwestern, Brüder,
fest geschlungen Hand in Hand!
Singt das heiligste der Lieder von dem hohen Wesenband!
Steigt hinauf am Rebenhügel, blickt hinab ins Schattental!
überall der Liebe Flügel,
wonnerauschend überall.

Liebe lehrt das Lüftchen kosen
mit dem Blumen auf der Au,
lockt zu jungen Frühlingsrosen
aus der Wolke Morgentau.

Liebe ziehet Well' an Welle
freundlich murmelnd näher hin,
leitet aus der Kluft die Quelle
sanft hinab ins Wiesengrün.

Berge knüpft mit eh'rner Kette
Liebe an das Firmament,
Donner ruft sie an die Stätte,
wo der Sand die Pflanze brennt.
Und die hehre Sonne leitet
sie die treuen Sterne her,
folgsam ihrem Winke gleitet
jeder Strom ins weite Meer.

Liebe wallt durch Ozeane,
höhnt des Dursts im dürren Sand,
sieget wo Tyrannen dräuen,
steigt hinab ins Totenland!
Liebe trümmert Felsen nieder,
zaubert Paradiese hin,
schaffet Erd' und Himmel wieder
göttlich wie im Anbeginn.

Liebe schwingt den Seraphsflügel,
wo der Gott der Götter thront,
lohnt den Schweiß am Felsenhügel,
wann der Richter einst belohnt,

Wann die Königsstühle trümmern,
hin ist jede Scheidewand.
Adeltaten heller schimmern,
reiner, denn der Krone Tand.

Mag uns jetzt die Stunde schlagen,
jetzt der letzte Othem wehn!
Brüder, drüben wird es tagen!
Schwestern, dort ist Wiedersehn!
Jauchzt dem heiligsten der Triebe,
den der Gott der Götter gab,
Brüder, Schwestern, jauchzt der Liebe!
Sie besieget Zeit und Grab.

(eingesandt von Christoph Spilker)

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