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August Kopisch

Die Histörchen

Wir sitzen zusammen auf lustiger Bank,
Erzähle drum jeder einen Schwank,
Vielleicht von dummem Volk etwas,
Das macht uns Klugen am meisten Spaß.
Wer ausgetrunken hat, fängt an! –
Das trifft mich selber, – nun wohlan!

Die Fockbecker ... es ist doch kein Fockbecker am Tisch?
– »Nein, noch ist er draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Fockbecker aßen Hering einmal,
Das war für sie ein Göttermahl!
Sie dachten: das sollte man öfter haben,
Ist eine der besten Tafelgaben! –
Sie haben nicht viel und sind nicht reich,
Drum legen sie an einen Heringsteich,
Und kaufen sie gut gesalzen ein
Und setzen sie in den Teich hinein,
Und dachten so ohne sondre Mühn
Sich ihren Heringsbedarf zu ziehn.
Ging einer nun bei dem Wasser vorbei
Und rührte sich was, so rief er: »hei!
Es rührt sich schon: es werden schon mehr!«
Und rieb sich die Hände und freute sich sehr.
Als nun der Herbst gekommen war,
Da ließen sie ab das Wasser klar,
Und standen herum und guckten drein:
Da fanden sie – einen Aal allein,
Von Heringen nicht einen Schwanz,
Die waren weggeschwunden ganz. –
Da schrien sie alle auf einmal.
»Der Aal hat sie verzehrt, der Aal!
Fort, fort mit ihm zur Feuerqual!«
»Nein, meinte der Eine, so stirbt er zu schnell;
Werft lieber ihn in ein Wasser hell!«
»In ein Wasser? das wär ein dummer Streich;
Er hat ja immer gelebt im Teich.«
»Das Wasser im Teich ist flach und klein,
Wohl zehnmal tiefer muß es sein,
Werft in den großen Strom ihn hin,
Da wird er schon versaufen drin!« –
Wie nun der Aal tief Wasser spürt
Und lustig drin herumvagiert,
Da rufen sie: »Seht seine Not!
Ersaufen ist ein böser Tod! –

Die Fockbecker ... doch – da kommt einer herein,
Da muß ich wahrhaftig stille sein.« –
»Guten Tag, Herr Fockbecker, setzt euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Die Kisdorfer ... es ist doch kein Kisdorfer am Tisch?
– »Nein, noch sind sie draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Kisdorfer sind nicht grade dumm;
Doch kommen sie oft ums Wahre herum.
Einst, wie ein fremder Bauer da fährt,
Macht er am Wege sich Gras fürs Pferd,
Läßt liegen die Sense, und denkt: hierher
Komm ich am Abend und hol mir mehr.
So fährt er davon. – Nun war es ein Spaß,
Die Kisdorfer merken, es fehlt da Gras,
Und halten die Sense für ein Tier,
Und glauben, das hat gefressen hier.
Der Kühnste tritt nah hinzu und spricht:
»Es scheint zu schlafen: es rührt sich nicht.
Was tun? – Dem Ding ist nicht zu traun,
Kommt her und machen wir einen Zaun
In aller Stille rings herum:
So muß es verhungern!« – Das schien nicht dumm.
Sie machen den Zaun: »Nun kanns nicht heraus!« –
Da gehn sie getröstet all nach Haus.
– Der Bauer kam wieder – der hat gelacht,
Und die Sense geholt und Gras gemacht,
Und den Streich dann unter die Leute gebracht.
Den Kisdorfern aber war angst und bang,
Weil das Tier den Zaun doch übersprang.
Und keiner ging damals allein,
Sie mußten immer gekoppelt sein;
Bis auf dem Markt sie Sensen gesehn
Und merkten, das sei ein Ding zum Mähn. –
Noch schöner war es mit einem Gaul,
Der schlug um sich mit den Füßen nicht faul:
Dem bauten sie rings umher ein Haus . . .
Doch erzähl ich die Geschichte nicht aus,

Es kommt von Kisdorf eben ein Mann.
»Heran, heran, nur immer heran,
Herr Kisdorfer, kommt und setzet euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Die Gabler . . .es ist doch kein Gabler am Tisch?
– »Nein, noch sind sie draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Gabler kannten die Katzen noch nicht
Und wurden geplagt von Mäusegezücht:
Da bracht ein Jud eine Katze daher,
Die, sagt er, zum Mäusausrotten wär.
Der Jude verlangte die halbe Welt,
Da legten zusammen sie vieles Geld
Und setzten die Katz ins erste Haus:
»Dort fange sie an und rotte aus!«
Der Jude war schon ein Weilchen fort,
Ein Tauber ritt nach und rief: »Ein Wort!
Was frißt das Tier?« – »Milch!« rief er zurück,
»Und Mäuschen frißt es!« – »O Ungelück!«
Ruft aus der Taube; denn er verstund:
Auch Menschen frißt es! »O böse Stund!«
Es erschrickt im Dorf Mann, Weib und Kind;
Doch weil sie gefaßte Leute sind,
Entschließen sie sich: »Ums Haus dahier
Macht flugs ein Feuer, verbrennt das Tier:
Viel besser ein Haus geopfert ist,
Als wenn es einen Menschen frißt!« –
Gesagt, getan, das Feuer brennt;
Doch die Katze kommt heraus gerennt,
Und läuft in das zweite – »auch das muß fort!
Viel besser Brand als Menschenmord!«
Man zündet an – flink ist sie heraus,
Und ist schon wieder im dritten Haus!
Das ist des Schulzen: der brave Mann,
Er setzt das Seine gern daran,
Wenn er die Menschheit retten kann.
Hei! brennt der Speck in Schulzens Haus!
Wipp war die Katze wieder heraus!
Hier kann nichts helfen, man sengt und brennt,
Wo immer nur das Tier hinrennt.
Die Katze bleibt in einem Lauf:
So geht das Dorf in Feuer auf.
Doch tröstet man sich bei aller Not,
Die Katze ist zuletzt doch tot.
Man trug sie auf einer Stang umher,
Als ob es ein groß Mirakel wär.
Das Dorf war bald neu aufgestellt,
Sie hatten viel verscharrtes Geld,
Und dies war nicht ihr letztes Stück:
Sie hatten bei aller Dummheit Glück.

Zum Beispiel ...« doch da kommt ein Mann
Aus Gabeln, still! – Heran, heran,
Herr Gabler, kommt und setzet euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Die Büsumer . . .es ist doch kein Büsumer am Tisch?
– »Nein, noch sind sie draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Büsumer wohnen am Meeresstrand,
Und sind für kluge Leute bekannt,
Nur treiben sie die Bescheidenheit
In manchem Stücke gar zu weit.
Des einen Sonntags ihrer neun
Schwimmen sie weit in die See hinein.
Auf einmal, wie das Meer so schwankst,
Wird einem um die andern Angst,
Und zählt sie alle: »Eins, zwei, drei,«
Bis acht, – und läßt sich aus dabei;
Denn er ist ein echtes Büsumer Kind,
Die immer so bescheiden sind.
Ein Zweiter probierts, zählt: »Eins, zwei, drei,«
Bis acht – und vergißt sich auch dabei.
Da schwimmen sie alle bestürzt ans Land,
Wo eben ein kluger Fremder stand.
Dem klagten sie jammernd ihre Not
Und sagten: »Von uns ist einer tot!«
Und wußten nicht welcher ertrunken sei!
Und jammern und zählen immer aufs neu,
Und finden immer nur wieder acht,
Weil jeder bescheiden an sich nicht gedacht.
Der Fremde sprach: »Bescheidenheit
Führt euch, ihr guten Leute, zu weit;
Steck jeder die Nas in den Sand einmal,
Und zählt die Tupfen, so habt ihr die Zahl.«
Sie folgten dem Fremden – da zählten sie – neun!
Und luden vor Freud ihn zum Frühstück ein.

Die Büsumer ... »still, wer tritt in die Tür?
Ein Büsumer – schön willkommen hier,
Herr Büsumer, kommt und setzet euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Die Romöer . . .es ist doch kein Romöer am Tisch?
– »Nein, noch sind sie draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Romöer tragen als Leibgewand
Eine rote Jacke, das ist bekannt.
Nun war ein Robbenschläger zu arm,
Trug eine graue, daß Gott erbarm!
Er sagte zwar: »ich liebe das Grau«;
Doch neckten damit ihn Mann und Frau:
»Geh, Peter Modder, du tust nur so,
Hättst du eine rote, so wärst du froh.«
Nun muß es zu jener Zeit geschehn,
Daß in Romö kalte Winde wehn –
Die Kirche steht so sehr nach Nord,
Man rückte sie gern nach Süden fort.
Da sprach Peter Modder: »das wird gar leicht
Von uns durch vereinte Kraft erreicht!
Stemmt alle euch hier im Norden dran,
Ich richt auf der Süderseite dann.
Und daß wir treffen das rechte Maß
Legt eine rote Jacke ins Gras:
Dann schiebt, und hat sie erreicht die Wand,
So klopf ich und rufe: Stillestand!«
Gesagt, getan, der Rat beliebt.
Die Jacke liegt da, man drückt und schiebt
Vermeintlich fort die Kirchenwand; –
Da ruft Peter Modder: »Stillestand!
Ihr schiebt zu stark: die Jack ist fort!«
Da laufen sie alle hin zum Ort;
Fort ist sie richtig, jedermann
Sieht staunend Peter Moddern an,
Und lobet seinen guten Rat,
Und ist gar stolz auf solche Tat.
Doch nächsten Sonntag wundert sich
Im Dorfe jedermänniglich:
Peter Modder, der sonst graue Mann,
Hat eine rote Jacke an. –
Und Keiner wußte da, woher
Die rote Jack ihm kommen wär? –

Die Romöer ... »still, wer tritt in die Tür?
Ein Romöer! – Schön willkommen hier,
Herr Romöer, kommt und setzet euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Die Hosdrupper ... es ist doch kein Hosdrupper am Tisch?
– »Nein, noch sind sie draußen, erzähl er nur frisch!« –

Die Hosdrupper leben friedlich im Land,
Und Krieg ist dort ganz unbekannt.
Und wie sie einmal Gras mähen zu Heu,
Ist einer, vielleicht ein Fremder, dabei,
Der hatt in der Stadt gehört von Krieg.
Da fragten sie alle: »Was ist denn Krieg?«
Da sagte der Mann: »Der Krieg besteht
Darin, daß immer die Trummel umgeht.«
»Wie geht denn die Trummel?« – »sie geht: bumm bumm,
Bumm bumm, im ganzen Lande herum.
Der Krieg ist schlimm und frißt viel Leut
Samt Vieh und Häusern weit und breit!« –
– Die Hosdrupper sprachen: »vor Kriegesnot
Bewahr uns der liebe Herregott!«
Und mäheten weiter. Nun lag im Gras
Ein Faß voll Bier, gut schmeckte das.
Die Sommerhitze war nicht gering,
Weshalb es bald zu Ende ging.
Da fliegt durch den Spund zum Ungelück
Eine Hummel hinein, findt nicht zurück.
Summ summ, bumm bumm, summ summ, bumm bumm,
Flog sie im hohlen Faß herum.
Da sprach der Klügste: »ich höre: bumm bumm,
Der Krieg ist da, die Trummel geht um!«
Nun fliehn sie über Stock und Block,
Und jeder wünscht der Bein ein Schock:
Das leere Faß noch rettet der Ein,
Läuft immer hinter den andern drein:
Drin tobt die Hummel mit ihrem Gebrumm
Dicht hinter ihnen: bumm bumm bumm.
Sie liefen bis endlich der Mann mit dem Faß
Hinfiel und es zerbrach im Gras.
Da traf ein Splitter den einen am Kopf:
»Ich bin geschossen!« schrie der Tropf.
Das war den andern erst ein Graun,
Hoch sprangen sie über Heck und Zaun
Und rannten fort, die Kreuz und Quer,
Man sah sie den ganzen Tag nicht mehr.

Die Hosdrupper ... »still, wer tritt in die Tür?
Ein Hosdrupper – schön willkommen hier!
Herr Hosdrupper, kommt und setzet euch,
Trinkt, und erzählt ein Histörchen!« – »Gleich!«

Der Hosdrupper setzt sich, trinkt und spricht:
»Ein rechtes Histörchen weiß ich nicht;
Doch ist euch Lustiges angenehm,
So gabs recht dumme Leute vordem
Zu Bishorst, das vergangen ist:
Da wohnt einst mancher gute Christ,
Die Kirche aber war so klein,
Sie fanden bei Tage kaum hinein;
Wie sollt es erst in der Christnacht geschehn,
Wenn alle Wege mit Schnee verwehn! –
Da spannten sie einen langen Strick,
Von der Kirchentür zum Dorf zurück,
Dran gingen sie hin, wenn Christnacht war,
Mocht sein das Wetter trüb oder klar.
Sie kamen lange Jahre mit Glück
Am Stricke hin und wieder zurück;
Doch einmal band ein böser Mann
Den Strick an den offnen Brunnen an.
Platsch! fällt der Erst in das Wasser da;
Der Zweite dahinter war schon nah
Und denkt, er schließt die Kirchentür,
Und ruft: «Laß offen, ich bin schon hier!»
Platsch! fällt der Zweite dazu ins Loch;
Da ruft der Dritte: »warte doch!
Was machst du zu?« und plantscht hinein
Da ruft der Vierte hinterdrein:
»Was schlagt ihr denn die Pforte zu?«
Und plantscht hinein im selben Nu.
Der Fünfte und Sechste mit Weib und Kind,
Das purzelt alles hinein geschwind:
Drein plumpt das ganze Volk gemach,
Der Pfarr und Küster hintennach –
Und blieb nicht eine Seel am Ort,
Ganz war es ausgestorben dort.
Und kamen sie miteinander um,
So war auch kein Lamento drum.
Zuletzt getrost sich jeder Christ,
Daß solch ein Volk verstorben ist! –
Es geh der Krug die Reih herum,
Dankt Gott, daß keiner von uns so dumm!

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