mumag > Gedichtauswahl > Liliencron
mehr Muttergedichte

Detlev von Liliencron

Das taubstumme Kind

Von dichter Kinderschar umgeben,
pausbäckig alle und gesund,
schien wolkenlos der Mutter Leben
und alles stand auf sich'rem Grund.

Doch eins von all den Glücksgewinnen,
ein Mädchen, Mädelchen vom besten Schwarm,
war taubstumm und von blöden Sinnen,
lag täglich fast dem Tod im Arm.

Der Mutter heißeste der Bitten,
der Wünsche heißester ist nur,
bevor ihr Liebling ausgelitten,
eh abgelaufen ihre Uhr,

dass sie ihr ein einzig Mal nur sage,
ein einzigmal das eine Wort: „Mutter“,
und weggefegt ist alle Klage
und alle Trübsal ist verdorrt.

Das Mädchen starb mit reinem Herzen,
sank oben sie an Gottesbrust.
Die Mutter blieb im Land der Schmerzen
und gab sich schwer in den Verlust.

Dann starb auch sie nach vielen Jahren,
nach Plag und Arbeit wie's so geht,
wir alle müssen ja erfahren,
wie scharf der Wind auf Erden weht.

Als sie nun schritt auf Himmelswegen,
nach Gottes Thron am heil'gen Ort,
jauchzt ihr das Töchterchen entgegen
und „Mutter“ war ihr erstes Wort.

Seitenanfang / top

   Tweet

Werbung amazon: Muttertagsgedichte -
Gedichtinterpretationen - Gedichtanalysen



Impressum - Datenschutz