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Detlev von Liliencron

Die Legende vom heiligen Nikolaus

Nach dem französischen Urtext

Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.
Sie kamen abends an eines Schlachters Bank:
Wir sind hungrig und müd, gib uns Speis und Trank.
Nur herein, lieben Kinder, herein zu mir,
Hier findet ihr alles, auch Nachtquartier.

Kaum sind sie bei ihm und warten auf Brot,
Da schlägt sie der Schlachter mausetot
Und zerhackt sie in viele Stücke klein
Und pökelt sie wie Ferkelfleisch ein.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Nach sieben Jahren ging Sankt Nikolaus
In diese selbe Gegend hinaus.
Er kam vorbei an des Schlachters Bank:
Ich bin hungrig und müd, gib mir Speis und Trank.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Tritt ein, heiliger Nikolaus, tritt ein,
Hier findest du alles, auch Brot und Wein.
Der heilige Nikolaus hat sich kaum gesetzt,
Da hat er am Brot sein Messer gewetzt.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Gib mir von deinem Pökelfleisch zart,
Das dort sieben Jahre schon liegt verwahrt.
Kaum hat der Schlachter gehört dies Wort,
Läuft er stracks aus seiner Ladentür fort.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Aber Schlachter, Schlachter, lauf doch nicht,
Gott verzeiht ja dem reuigen Bösewicht
Sankt Nikolaus setzt an das Faß sich hin,
Wo rosig das Pökelfleisch lagerte drin.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ahrenlesen ins Feld.

Hört, ihr Knaben, ihr schlieft nun aus,
Ich bin der große Sankt Nikolaus.
Und der Heilige hob drei Finger baß,
Da sprangen die Drei heraus aus dem Faß.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Der erste spricht: Wie schlief ich gut.
Der zweite: Auch ich hab sanft geruht.
Und der dritte Dreikäsehoch gähnt und sagt dies:
Mir träumte, ich war im Paradies.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

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